Sessel, die Komplizen werden

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Bei Jan Armgardt geht das Design zurück zum Handwerk. Zugleich dürfen bei ihm Oberflächen gerne verschrammt sein – „denn neue Dinge sind tot“, wie der Möbel-Entwerfer meint. Erst mit ihren Gebrauchsspuren würden die Gegenstände lebendig. Die sehr sehenswerte Ausstellung „Möbel-Unikate“ wurde heute im Palais Rastede eröffnet. Musik machten Martin Meyer (Klavier) und Siegfried Kluge (Saxophon).

Von Britta Lübbers

Stühle mit glänzenden Lehnen, Liegen aus Stein, Tische aus Rattan-Geflecht: Es sind ungewöhnliche und ungewöhnlich schöne Möbel-Unikate, die in den verschiedenen Palais-Räumen präsentiert werden. Jeder Raum hat ein anderes Thema. Ist das, was wir hier sehen, Kunst? „Es ist angewandte Kunst“, antwortet Jan Armgardt. Seine Möbel sollen gebraucht werden und dabei die Schleifspuren der Jahre und des Alters erhalten, das sei ihm wichtig, betont er.

Jan Armgardt wurde 1947 in Celle geboren und lebt heute in Schondorf am Ammersee. Nach der Schule machte er eine Lehre zum Möbeltischler, dann studierte er Innenarchitektur. Er absolvierte verschiedene Praktika in Polstereien und Schlossereien, gründete Design-Firmen für Möbelkollektionen, übernahm eine Honorarprofessur an der Fachhochschule Aachen, gab Workshops an Universitäten, z.B. auf den Philippinen und in der Türkei, und erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise.

„Ich habe sehr erfolgreich für die Möbelindustrie gearbeitet“, erzählt der Designer, als er in die Ausstellung einführt. Aber bereits Anfang der 1980er Jahre habe er sich gefragt, „ob da nicht noch mehr ist“. Er habe etwas Eigenes machen wollen, das Bestand hat. Ein fast schon verwegener Gedanke im produzierenden Gewerbe, das in der Massenfertigung auf Verschleiß fährt, um möglichst schnell wieder neu zu produzieren. Hier geht Armgardt nicht mit. Mit seinen Unikat-Möbeln setzt er auf Lebensdauer und Ästhetik. „Ich habe mir zunächst selbst einen Auftrag erteilt“, erinnert er sich an die Anfänge. Und es wird deutlich, dass dieser Auftrag auch eine Haltung, eine Moral beinhaltet. Armgardt machte einen Stuhl, der zeitlos ist, nachhaltig und handwerklich individuell. Er hat das Möbelstück mit nach Rastede gebracht. Die Rückenlehne ist aus Boondoot-Geflecht, eine Rattan-Art, die er in Indonesien für sich entdeckt hat. Boondoot sei ein schnell nachwachsender und bis in die letzte Pore nachhaltiger Rohstoff, schwärmt er. „Der Stuhl sieht aber nicht nur gut aus, man kann auch sehr gut darauf sitzen“, fügt er hinzu, nimmt Platz und lächelt. „Sie sollen das nicht selbst ausprobieren, Sie müssen es mir einfach glauben.“

Jan Armgardt ist Handwerker und Designer zugleich, er nutzt auch Stein, Eisen, Kupfer und Leder, weil es sich dabei um echtes, authentisches Material handelt. Nachhaltig und echt soll aber nicht nur der Stoff sein, das Produkt an sich müsse überdauern können. „Wenn ein Möbelstück nach zwei Jahren langweilig wirkt, dann ist es nicht ökologisch.“ Für die Ausstellung hat er einige seiner Unikat-Möbel nach langer Zeit wieder hervorgeholt. „Die sehen immer noch toll aus“, freut er sich. Zugleich wirbt er dafür, Dinge wirklich zu gebrauchen. „Was neu ist, ist tot. Erst mit der Benutzung beginnen die Sachen zu leben.“ Ein Kratzer auf einer Steinplatte erzähle eine Geschichte, schaffe eine Verbindung zum Menschen. „Mit einer Waschmaschine kann ich keine Beziehung herstellen, ein Sessel kann ein Komplize werden“, glaubt der Konstrukteur der schönen Dinge.

Eisen, Kupfer, Stein und Rattan-Geflecht: Armgardt nutzt echtes, authentisches Material und macht daraus Unikat-Möbel, die ebenso nachhaltig wie zeitlos sind | Foto: Lübbers

Jan Armgardt teilt seine Entwürfe in Zyklen ein, sie lauten „Wohnmale“, „Zeitsprünge“ oder „Human Touch“. Auch die einzelnen Möbel tragen Namen, poetische zuweilen. Zum Beispiel der Stuhl „Roter Engel“, dessen Rückenlehnen aus rötlichem Kupfer tatsächlich wie zwei Engelflügel leuchten. Oder die „Schwarze Königin“, ein eleganter Stuhl aus Eisenblech mit Ledersitzen. Und der „Stolze Schwan“, ebenfalls ein Sitzmöbel mit fein gebogenem Kupfergeflecht.

Papier ist auch ein Stoff, den der Vielseitige nutzt. Er zeigt zwei Papier-Stühle und einen Papier-Hocker, der mehrfarbig schimmert. Als Material gebrauchte Armgardt Stadtpläne von New York, Wien und Barcelona. Auch aus seinen Kontoauszügen habe er schon Sitzmöbel gefertigt, erzählt er.

Es ist das erste Mal, das im Palais Rastede eine Ausstellung gezeigt wird, in der es ausschließlich um Design geht, erklärt Palais-Leiterin Dr. Claudia Thoben. Sie freue sich über das überzeugende Ergebnis, „die sinnlichen Formen“ und auch den Humor, mit dem Jan Armgardt seine Möbel-Unikate zur Gebrauchskunst macht.

Die Ausstellung ist noch bis zum 3. Mai zu sehen.

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