Zeichner der Gezeichneten

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Herausfordernd: Werke von Thomas Rautenberg werden ab heute im Palais Rastede gezeigt

Von Britta Lübbers

„Zeichnungen“ ist die Ausstellung, die noch bis zum 1. März zu sehen ist, knapp überschrieben. Welchen Titel hätte man wählen können? Dunkelheit, Verschattung, Hoffnungslosigkeit? „Ach wissen Sie, ich bin nicht immer ganz einverstanden mit diesen Zuschreibungen“, lächelt Thomas Rautenberg. Schwarz-weiß gekleidet steht er da und passt farblich sehr gut zum Gezeigten. Als Zeichner des Depressiven versteht er sich aber nicht. „Ich möchte das ganze Spektrum der Gefühle vermitteln.“ Vielleicht berühren Rautenbergs Arbeiten deshalb so unmittelbar, weil es ungewöhnlich ist, dass sich ein Künstler in Zeiten von Selbstoptimierung und der steten Aufforderung, positiv zu denken, derart konsequent bunter Fröhlichkeit verweigert. Doch es stimmt: Wer sich Zeit nimmt für die an Munch erinnernden Figuren, der sieht, dass Rautenberg durchaus Farbe verwendet, dass sich hier und da ein Mund zu einem Lächeln formt.

Thomas Rautenberg, der 1947 in Brake geboren wurde, in Rastede aufwuchs, in Oldenburg das Alte Gymnasium besuchte und sich dann Richtung Süden aufmachte, um viele Jahre als Kulturredakteur beim Fernsehen zu arbeiten, hat sich schon früh mit der Kunst eingelassen. Als Filmschaffender hat er Gemaltes in seine TV-Arbeiten montiert; umgekehrt erinnern manche Zeichnungen mit ihren vielen Figuren an herauskopierte Filmschnipsel. „Ich bin nie ganz weggekommen von den Wimmelbildern“, bekennt Rautenberg. Auch das macht die Faszination seiner Arbeiten aus.

Palais-Leiterin Dr. Claudia Thoben war gleich beim ersten Treffen von der Güte des Gesehenen überzeugt. „Ich saß auf seiner Couch, vor mir lag ein Stapel von Zeichnungen, ich war sofort in den Bann gezogen“, erklärt sie in ihrer Begrüßung zur Ausstellung, die heute eröffnet und musikalisch von Erich A. Radke an der Konzert-Gitarre begleitet wurde. Die von Rautenberg skizzierten Menschen erlebt Thoben als traurig, wütend, verbittert, hoffnungslos und stolz. Schonungslos und ausdrucksstark variiere er die dunklen Momente des Daseins.

Christa Kaiser, Absolventin der Kunstakademie Bremen und Weggefährtin Rautenbergs, erinnert in ihrer Einführung an das Oldenburg der 1960er Jahre, wo sie und Rautenberg zur Schule gingen. Neben Tennisclub und Tanzstunde, Klassikern bürgerlicher Biografien, begeisterten sich beide für ein Leben jenseits des Vorgestanzten. Sie liebten das Kulturprojekt „Jugendfilmstunde“, gegründet von Ulrike Meinhof, das Jugendtheater und den Jazzclub Alluvium. „Politische Strömungen wie der Existenzialismus schwappten auch nach Oldenburg über und gaben uns prägende Anregungen“, sagt Kaiser. Thomas Rautenberg veröffentlichte Zeichnungen, Texte, Gedichte und Karikaturen in der Schülerzeitung. Er war gut und hatte Bewunderer. Wenn er Plakate für den Jazzclub malte, waren die schnell geklaut „und verschwanden in irgendeiner privaten Schublade“, so Kaiser.

Architekt oder Chirurg sollte Rautenberg werden, das hätten sich die Eltern gewünscht. Aber er ging an die Münchener Hochschule für Fernsehen und Film und wurde freier Autor für Kulturprogramme. Einer seiner Beiträge für die Sendung „Bücher, Bücher“ des Hessischen Rundfunks (2003) ist ebenfalls in der Schau zu sehen. Rautenberg zeigt Menschen in der U-Bahn, während eine Stimme aus dem Off Gedichte von Ingeborg Bachmann, Rainer Maria Rilke oder E. E. Cummings rezitiert. Das ist verstörend schön, und man sitzt gefangen vor dem Bildschirm.

„Während ich das Werk betrachte, betrachtet es mich“, sagt Christa Kaiser über Rautenbergs Zeichnungen. „Die Figuren leuchten aus sich heraus. Sie fordern uns auf: Du musst leben.“ Thomas Rautenberg sei kunstgeschichtlich nicht einzuordnen, erklärt sie abschließend. Und der so Beschriebene sitzt im dunklen Mantel in der ersten Reihe und lächelt.

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